UN/INFORM

Setzungen

Wie UN/INFORM Wirklichkeit unterbricht

01 / WAS EINE SETZUNG IST

Eine Setzung ist keine Botschaft,
die erklärt,
was gedacht werden soll.

Sie bringt etwas
in eine bestehende Ordnung.

Einen Satz.

Eine Stimme.

Eine Zahl.

Eine Leerstelle.

Ein Bild.

Ein Material.

Eine Handlung.

Die Setzung unterbricht
eine vertraute Bewegung.

Sie macht sichtbar,
was im Alltag bereits wirkt,
aber kaum noch wahrgenommen wird.

Eine Bewertung vor der Erfahrung.

Eine Antwort vor der Frage.

Eine Form vor der Herkunft.

Eine Reaktion vor der Prüfung.

Eine Setzung löst diese Ordnung
nicht vollständig auf.

Sie verschiebt sie gerade so weit,
dass ihre Selbstverständlichkeit
für einen Moment verloren geht.

Dort beginnt UN/INFORM.

02 / AUSDRUCKS- UND SETZUNGSWEISEN

UN/INFORM besitzt
keinen einzigen festen Stil.

Die Form entsteht
aus der jeweiligen Untersuchung.

Eine Setzung kann freilegen.

Verdichten.

Verschieben.

Gegenüberstellen.

Öffnen.

Zum Kippen bringen.

Eine mögliche Wirklichkeit simulieren.

Oder einen Vollzug auslösen.

Diese Bewegungen können
dokumentarisch,
poetisch,
satirisch,
fiktional,
akustisch,
räumlich
oder körperlich erscheinen.

FREILEGEN

Eine vorhandene Zahl,
eine Formulierung,
eine Verpackung,
eine Bewertung
oder eine digitale Oberfläche
wird aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst.

Das Vorhandene
wird nicht sofort erklärt.

Es wird isoliert,
vergrößert
oder neu angeordnet.

So wird erneut sichtbar,
was im alltäglichen Gebrauch
kaum noch wahrgenommen wird.

Freilegen bedeutet:

nicht mehr hinzufügen,
sondern genauer zeigen.

VERDICHTEN

Eine komplexe Bewegung des Alltags
wird in einem Satz konzentriert.

Nicht als Zusammenfassung.

Sondern als sprachliche Spur.

DIE BEWERTUNG IST SCHON DA.
DEINE WAHRNEHMUNG NOCH NICHT.

Die Verdichtung reduziert nicht,
um etwas zu vereinfachen.

Sie entfernt,
was die eigentliche Bewegung verdeckt.

Hier kann UN/INFORM
poetisch arbeiten.

Poesie bedeutet dabei nicht,
etwas schöner zu formulieren.

Sie arbeitet mit Rhythmus,
Wiederholung,
Auslassung,
Mehrdeutigkeit
und Pause.

Sie erklärt einen Zusammenhang
nicht vollständig.

Sie lässt einen Raum offen,
in dem Wahrnehmung
weiterarbeiten kann.

ZWISCHEN KLICK
UND URTEIL
LAG EINMAL
EIN BLICK.

Poesie hält Bedeutung offen.

VERSCHIEBEN

Ein Satz,
ein Bild
oder ein Zeichen
erscheint an einem anderen Ort
oder in einem ungewohnten Zusammenhang.

Eine Formulierung aus der Werbung
steht plötzlich auf einer Parkbank.

Eine Sprache der Optimierung
erscheint im privaten Raum.

Eine persönliche Aussage
wird zur öffentlichen Überschrift.

Der Satz verändert den Ort.

Der Ort verändert den Satz.

Verschiebung macht sichtbar,
dass Bedeutung nicht allein
in einer Formulierung liegt.

Sie entsteht auch durch den Raum,
in dem sie erscheint.

GEGENÜBERSTELLEN

Zwei Wirklichkeiten
stehen gleichzeitig im Raum.

Der Widerspruch
wird nicht aufgelöst.

DAS SPIEL IST ECHT.
DER APPARAT AUCH.

UN/INFORM entscheidet nicht vorschnell,
welche Seite verschwinden soll.

Es hält die Spannung offen.

Freude und Kritik.

Wissen und Handlung.

Nähe und Verwertung.

Bequemlichkeit und Verantwortung.

Die Gegenüberstellung
verlangt keine sofortige Entscheidung.

Sie macht erfahrbar,
dass mehrere Wahrheiten
gleichzeitig anwesend sein können.

ÖFFNEN

Manchmal entsteht eine Setzung
durch das,
was fehlt.

Ein Satz bricht ab.

Eine Fläche bleibt leer.

Eine Stimme schweigt.

Ein Wort wird verdeckt.

Eine Antwort wird nicht gegeben.

Die Leerstelle ist kein Mangel.

Sie verhindert,
dass eine Bedeutung
zu schnell abgeschlossen wird.

Auch hier kann UN/INFORM
poetisch arbeiten.

Nicht durch Ausschmückung.

Sondern durch Zurücknahme.

Durch Pause.

Durch Rhythmus.

Durch das Offenhalten
einer möglichen Bedeutung.

BEVOR DU

WEITERGEHST.

Öffnen bedeutet:

dem Noch-Nicht
eine Form geben,
ohne es festzulegen.

KIPPEN

Eine vertraute Sprache
wird übernommen
und einen Schritt weitergeführt.

Die Sprache des Service.

Der Werbung.

Der Bewertung.

Der Verwaltung.

Der Optimierung.

Der künstlichen Intelligenz.

Zunächst klingt alles
glaubwürdig.

Hilfreich.

Freundlich.

Effizient.

Dann übererfüllt sich
die eigene Logik.

Das Vertraute beginnt zu kippen.

Das Normale erscheint absurd.

Und das Absurde
bleibt gleichzeitig vertraut.

Hier arbeitet UN/INFORM
mit Satire.

IHRE MEINUNG
IST UNS WICHTIG.

DESHALB HABEN WIR
SIE BEREITS
VORBEREITET.

Satire macht sich nicht
über einzelne Menschen lustig.

Sie übernimmt die Sprache
einer bestehenden Ordnung
und lässt diese Ordnung
gegen sich selbst sprechen.

Sie erklärt nicht nur,
was problematisch ist.

Sie führt den Mechanismus vor.

Satire bringt eine Ordnung
zum Kippen.

SIMULIEREN

UN/INFORM kann
eine mögliche Wirklichkeit erzeugen.

Ein Produkt.

Eine Institution.

Eine Dienstleistung.

Eine Behörde.

Eine Anwendung.

Eine zukünftige Alltagssituation.

Die Fiktion fragt:

Was könnte entstehen,
wenn eine bereits vorhandene Logik
konsequent weitergeführt wird?

SOFORT/SERVICE.

Das Amt für vorbereitete Meinungen.

Das Institut für messbare Nähe.

Die Abteilung
für optimierte Erholung.

Fiktion entfernt sich dabei
nicht von der Wirklichkeit.

Sie baut eine Welt,
in der eine reale Bewegung
deutlicher sichtbar wird.

Diese Welt kann satirisch sein.

Sie kann aber auch poetisch,
leise,
unheimlich
oder beinahe dokumentarisch wirken.

ARCHIV
DER SÄTZE,
DIE DU NICHT
GESAGT HAST.

Fiktion simuliert
eine mögliche Wirklichkeit.

Sie macht sichtbar,
wohin eine gegenwärtige Bewegung
führen könnte.

VOLLZIEHEN

Eine Setzung kann
eine Handlung auslösen.

Lesen.

Hören.

Warten.

Berühren.

Tragen.

Sitzen.

Scannen.

Gemeinsam handeln.

Die Setzung wird dann
nicht nur betrachtet.

Sie wird körperlich,
räumlich
oder akustisch vollzogen.

Ein Satz kann erst lesbar werden,
wenn zwei Menschen ihn halten.

Ein Wort kann getragen werden.

Eine Stimme kann
eine Bewegung unterbrechen.

Eine Bank kann verlangen,
dass jemand bleibt.

Eine Leerstelle kann
durch eine Handlung gefüllt werden.

Im Vollzug begegnen sich
Setzung,
Ort,
Körper
und Wahrnehmung.

03 / KEINE GETRENNTEN KATEGORIEN

Diese Setzungsweisen
sind keine voneinander
abgeschlossenen Kategorien.

Eine dokumentarische Freilegung
kann poetisch verdichtet werden.

Eine poetische Setzung
kann als Audio erscheinen.

Eine vertraute Servicesprache
kann satirisch kippen.

Eine Fiktion
kann eine reale Handlung auslösen.

Eine Verschiebung
kann im Stadtraum
zum körperlichen Vollzug werden.

Poesie,
Satire
und Fiktion
sind deshalb keine Ressorts
neben UN/INFORM.

Sie sind unterschiedliche Formen,
in denen eine Unterbrechung
Gestalt annehmen kann.

Poesie öffnet.

Satire lässt kippen.

Fiktion simuliert.

Der Vollzug
macht die Setzung erfahrbar.

Nicht die Oberfläche
verbindet die Arbeiten.

Sondern die Bewegung:

Eine vertraute Ordnung
verliert für einen Moment
ihre Selbstverständlichkeit.

04 / SETZUNGEN IM STADTRAUM

Die Archäologie der Selbstverständlichkeit
endet nicht am Bildschirm.

Sie beginnt auch vor Ort.

Eine Bank ist nicht nur eine Bank.

Ein Schaufenster
nicht nur Konsumfläche.

Ein Durchgang
nicht nur Durchgang.

Ein Wartebereich
nicht nur Leerlauf.

Ein QR-Code
nicht nur Link.

Ein Körper
nicht nur Träger.

UN/INFORM setzt dort an,
wo Alltag automatisch geworden ist:

im Weitergehen,

im Warten,

im Kaufen,

im Scannen,

im Sitzen,

im Übersehen,

im schnellen Urteil.

Die Setzung gräbt nicht
mit Erklärung,
sondern mit Verschiebung.

Ein Satz auf einer Bank.
Ein Fragment im Schaufenster.
Eine Audio-Spur über QR-Code.
Ein getragenes Wort im Stadtraum.
Eine fiktive Servicestelle.
Eine poetische Leerstelle.
Eine satirische Anweisung.
Eine kleine Unterbrechung
im Ablauf eines Ortes.

So wird öffentlicher Raum
nicht dekoriert.

Er wird befragt.

Die Setzung macht sichtbar,
was der Ort längst tut,
ohne dass wir es noch bemerken.

Sie öffnet einen Moment,

bevor Ort wieder Nutzung wird,
bevor Blick wieder Urteil wird,
bevor Stadt wieder Kulisse wird.

UN/HEARD Kein Track gewählt bereit